Wir haben uns den Neubau in der Werlseestraße in Berlin-Friedrichshagen angeschaut: Das Genossenschaft-Haus mit 17 Sozialwohnungen ist mit innovativer Sanitärtechnik ausgestattet, die perspektivisch die Produktion von Dünger ermöglicht.

Stephan Dittrich, Bauingenieur und Vertretung der künftigen Bewohner*innen, ermöglichte uns spannende Einblicke.

 

In den Wohnungen sind die Anschlüsse für die Safe! -Toiletten der renommierten Sanitärfirma Laufen bereits installiert.

Nur wer tief in die Kloschüssel guckt, kann den Unterschied zu einem üblichen WC erkennen. Vorne gibt es eine Rinne, durch die der Urin abläuft. Dass er scharf um die Ecke fließt beruht auf einem physikalischen Gesetz: Dem sogenannten Teekanneneffekt. Dieses Phänomen kennt jede, die Tee zu langsam ausschüttet: Die Flüssigkeit läuft an der Tülle herunter.

Im Keller zeigte uns Stephan die drei Abfluss-Rohre: Durch eines wird der Urin fließen, durch ein zweites das Grauwasser aus Dusche und Handwaschbecken. Nur Küchen- und Waschmaschinenwasser kommen direkt in die Kanalisation.

Die großen, schwarzen Behälter für die Aufbereitung des Grauwassers stehen schon bereit: Neben einer biologischen Klärstufe mit Bakterien gibt es auch eine Membranfilterung. Mit diesem Wasser wird künftig vor allem der Kot weggespült. Für den Urin werden nur jeweils 150 Milliliter benötigt. Die Doppel-Nutzung des Wassers und der geringe Verbrauch für die Klospülung sparen viel Trinkwasser. Die Genossenschaft geht davon aus, dass sich die Anlage bei heutigen Wasserpreisen binnen zehn Jahren amortisiert hat. Es könnte sogar schneller gehen – denn Berlin hat bald ein enormes Wasserproblem: Der Osten Deutschlands wird immer trockner. Außerdem wird das Ende der Braunkohletagebaus in der Lausitz dazu führen, dass kein Wasser mehr in die Spree gepumpt wird und der Fluss dadurch bis zu 80 Prozent weniger Wasser führt.

Zwar wird der Urin aus dem neuen Haus in der Werlseestraße zunächst direkt ins öffentliche Kanalnetz eingeleitet. Doch im Keller gibt es noch Platz für eine Dünger-Aufbereitungsanlage. Urin enthält viel Stickstoff und Phosphor – genau das, was die Landwirtschaft dringend braucht. Entsprechende Techniken gibt es längst. Doch in Deutschland ist der Einsatz von menschlichen Ausscheidungen als Ausgangsstoff für Dünger verboten – anders als z.B. in der Schweiz oder in Frankreich. Wir arbeiten daran, dass sich das ändert. Und wir denken weiter. Perspektivisch wären es sinnvoll, den Urin in vielen Häusern zu sammeln und in größeren Anlagen aufzubereiten. In Berlin sind bereits die Atelier Gardens der BUFA-Filmstudios südlich vom Tempelhofer Feld mit Laufen-Safe!-Toiletten ausgestattet.

Die Nutzung des Urins als Dünger könnte außerdem die Vorbehalte der Wasserbetriebe gegen Grauwasseranlagen zerstreuen. Weil hierdurch weniger Abwasser entsteht, nimmt normalerweise die Stickstoffkonzentration darin zu. Das erhöht den Aufwand für die biologischen Klärstufe. Doch wenn der größte Teil des Stickstoffs dank Urin-Abscheidung gar nicht mehr in die Kanalisation gelangt, wäre dieses Problem gelöst.

In Paris haben die Betreiber der Kläranlage den Zusammenhang längst erkannt. Dort wird gerade eine neue Siedlung mit urinseparierenden Toiletten gebaut. Auch die Verantwortlichen für die städtischen Grünanlagen waren dafür, weil sie auf diese Weise günstigen Dünger erwarten.