Pressemitteilung 23.4.2026
Jahreskongress des Netzwerks für Nachhaltige Sanitärsysteme im Ökodorf Sieben Linden:
50 Expert*innen diskutieren über Toiletten als Wertstoffsammler und wie eine regionale
Kreislaufwirtschaft aussieht
Ab Freitag 24.04.2026 wird der dreitägige Jahreskongress von NetSan e.V. im Ökodorf Sieben
Linden stattfinden. Ziel des Vereins „Netzwerk für nachhaltige Sanitärsysteme“ ist es, die Sanitär-
und Nährstoffwende voranzutreiben. Toiletten sollen zu Wertstoffsammlern werden, die
menschliche Ausscheidungen als Dünger nutzbar machen. Der Kongress bietet Antworten, die
besonders hinsichtlich der globalen Energie- und Düngerkrisen öffentliche Aufmerksamkeit
verdienen.
Nährstoffe zurück in den Kreislauf
Die Prozesse sind einfach und praxiserprobt: Urin enthält viel Stickstoff und Phosphor, die in der
Landwirtschaft dringend gebraucht werden. Aus mit Pflanzenresten vermischtem Kot lässt sich ein
hervorragender Bodenverbesserer herstellen, der zum Humusaufbau und damit zur natürlichen
Fruchtbarkeit beiträgt. „NetSan e.V. arbeitet auf praktischer, wissenschaftlicher und juristischer
Ebene daran, dass die natürlichen Stoffkreisläufe wieder geschlossen werden“, erklärt Annette
Jensen, Sprecherin des Vereins.
Ökodorf als Praxislabor
Erwartet werden 50 Gäste aus Forschung und Praxis. Ganz bewusst hat sich der Verein für das
Ökodorf Sieben Linden als Veranstaltungsort entschieden. Das gesamte Ökodorf ist seit fast 30
Jahren ausschließlich mit unterschiedlichen Trockentoiletten ausgestattet – eine Wasserspülung
sucht man hier vergeblich. Auf dem Programm stehen deshalb nicht nur Vorträge und Workshops zu
Fachthemen und der strategischen Entwicklung des Vereins, sondern auch eine Führung durchs
Ökodorf mit der Besichtigung der stillen Örtchen und der Kompostieranlage.
„Was hier in Sieben Linden im Kleinen gelingt, muss dringend in die Breite getragen werden. Wir
freuen uns, dass NetSan dies vorantreibt. Die Sanitärwende ist genauso wichtig wie die
Energiewende und die Agrarwende – und sogar ein Teil davon.“ Simone Britsch, Ökodorf Sieben
Linden.
Kanalisation ist Technik von gestern
Das Ökodorf Sieben Linden hat die üblichen 125 Liter Trinkwasser pro Person und Tag
(Bundesdurchschnitt) auf 65 Liter gesenkt. Ein Erfolg, der vor allem den Trockentrenntoiletten
zuzuschreiben ist. Die Aufbereitung von Fäkalien und Grauwasser in Kompostierungsanlage und
Pflanzenklärbeet erfolgt vor Ort.
Die herkömmliche, im 19. Jahrhundert entwickelte Entsorgungstechnik mischt in der Kanalisation
die wertvolle, nährstoffreiche Fracht aus den Toiletten mit Schwermetallen aus der Industrie,
Straßendreck, Mikroplastik und vielfältigen Chemikalien. Kläranlagen versuchen dann mit viel
Aufwand, die Stoffe wieder aus dem Wasser herauszuholen, was nur unzureichend gelingt. Extrem
viel Energie verbraucht vor allem die biologische Klärstufe, mit der Stickstoff und Phosphor
eliminiert werden, um die Gewässer nicht zu überdüngen – beide stammen ausschließlich aus
Toiletteninhalten. Zwar enthält der Klärschlamm anschließend große Mengen an Phosphor. Doch
weil sich darin auch vielfältige andere Schadstoffe befinden, darf Klärschlamm heute fast nirgends
mehr aufs Feld gelangen und wird stattdessen verbrannt.
Energiekrisen: Alternativen zum Mineraldünger
Stickstoff und Phosphor sind für die Landwirtschaft essentielle Rohstoffe – und ihr Preis schießt
regelmäßig durch globale Krisen nach oben. Dies zeigt aktuell der israelisch-amerikanische
Angriffskrieg gegen den Iran. Die iranische Blockade der Straße von Hormus wirkt sich bereits auf
die deutsche Landwirtschaft aus, weil die Meerenge weltweit zu den wichtigsten Transportwegen
für Stickstoffdünger gehört. Weil für die Herstellungsprozesse viel Gas gebraucht wird, liegen große
Produktionsstätten in Katar, Saudi-Arabien, Bahrain und Oman. Auch ein bedeutender Anteil der
weltweit gehandelten Phosphatdünger stammen aus den Golfstaaten. Damit die Abhängigkeit von
klimaschädlichen fossilen Energien für die Düngemittelherstellung reduziert werden kann, muss
unser Blick sich stärker auf geschlossene Nährstoffkreisläufe richten. NetSan e.V. bietet im Zuge
einer nachhaltigen Sanitärwende hier zukunftsfähige Antworten an.
Skalierbare Lösungen für die Stadt der Zukunft
Ziel des Vereins NetSan ist es, skalierbare Lösungen auch für die Zukunftsfähigkeit von Städten zu
erarbeiten. Bisher kommen die Trockentoiletten vor allem auf Musikfestivals und neuerdings auch
im öffentlichen Raum zum Einsatz. Auch in Kleingärten, Privathäusern und einigen
Lebensgemeinschaften sind sie zu finden. In mehrjährigen wissenschaftlichen Projekten wurde
nachgewiesen, dass eine gefahrlose Aufbereitung und Verwendung der menschlichen
Hinterlassenschaften möglich ist und auch Medikamentenreste und Hormone eliminiert werden
können. Allerdings steht das deutsche Dünger- und Abfallrecht einer massiven Ausweitung bisher
im Weg.
Die Mitglieder von NetSan e.V. arbeiten zusammen mit internationalen Partnerorganisationen
daran, dass Trockentrenntoiletten auch in mehrgeschossigen Wohngebäuden zum Einsatz kommen.
Die Exkremente sollen zukünftig im Keller gesammelt und von einer regionalen Verwertungsanlage
aufbereitet werden, In Paris ist eine erste entsprechende Siedlung im Bau, in Genf gibt es bereits mit
Trockentoiletten ausgestattete mehrstöckige Genossenschaftshäuser. Umfragen aus mehreren
Ländern belegen die prinzipielle Offenheit vieler Menschen für solche Lösungen, sofern sie
hygienisch einwandfrei sind und sie selbst sich nicht um die Entsorgung kümmern müssen.
Die Politik muss Weichen für die Sanitärwende stellen
NetSan e.V. fordert die Politik auf, das Dünge- und Abfallrecht endlich an die Erfordernisse unserer
Zeit anzupassen. Die technischen Lösungen existieren, internationale Beispiele zeigen den Weg –
jetzt braucht es den politischen Willen. Beim Jahreskongress in Sieben Linden will der Verein
konkrete Strategien weiterentwickeln und die Vernetzung der Mitglieder intensivieren.
Kontakt:
Netzwerk für nachhaltige Sanitärsysteme, NetSan e.V.
https://www.netsan.org/
Annette Jensen, 0170-2353115
Ökodorf Sieben Linden
https://siebenlinden.org/de/
Simone Britsch
Tel. 039000-51238