NetSan e.V. – Vision – Das WC und die planetaren Grenzen

Das WC und die planetaren Grenzen

Die Erdsystemforschung hat neun planetare Grenzen identifiziert. In sechs Bereichen hat die Menschheit den “sicheren Handlungsraum” schon zum Teil weit hinter sich gelassen. Das heutige Abwassersystem in Kombination mit der Produktion von Kunstdünger hat einen erheblichen Anteil daran.

Das bedeutet zugleich:

Mit einer Sanitär- und Nährstoffwende könnten Entlastungen des Erdsystems an mehreren Stellen gleichzeitig erreicht werden – und die Prozesse könnten sich gegenseitig verstärken.
Dafür setzt sich NetSan ein.

Gestörte Stickstoff- und Phosphor-Kreisläufe, Klimaerwärmung und Artensterben

Die globalen Stickstoff- und Phosphor-Kreisläufe sind katastrophal gestört. Das Problem hat Dimensionen wie die Klimaerwärmung – aber fast niemand spricht darüber. Das hat sicher auch mit dem Tabuthema Klo zu tun. Bis zur Industrialisierung war allgemein bekannt, dass menschlicher und tierischer Mist wertvolle Rohstoffe für die Landwirtschaft sind. Kurz nach der Einführung der Kanalisationen in Europa wurde der Kunstdünger erfunden.

Heute gibt es etwa doppelt so viel pflanzenverfügbaren Stickstoff wie vor der Industrialisierung.

  • Die Herstellung von Stickstoffverbindungen nach dem Haber-Bosch-Verfahren benötigt riesige Mengen an Energie – und belastet dadurch auch das Klima.
  • Die überschüssigen Stickstoff- und Phosphormengen führen zur Überdüngung von Gewässern und Magerstandorten. Damit tragen sie wesentlich zur Zerstörung von Ökosystemen und zum Artensterben bei.

Die Sammlung, Aufbereitung und Nutzung menschlicher Exkremente bringt Stickstoff, Phosphor und andere Nährstoffe zurück in den Kreislauf von Essen, Ausscheiden, Düngen und Ernten. Aus Urin hergestellter Dünger ersetzt Kunstdünger und benötigt für die Aufbereitung weder hohen Druck noch extrem hohe Temperaturen. Das spart extrem viel Energie.

Weil menschliche Ausscheidungen dezentral und kontinuierlich anfallen und auch Dünger dezentral gebraucht wird, lassen sich regionale Wertstoffkreisläufe aufbauen. Das wäre eine echte Kreislaufwirtschaft, die diesen Namen tatsächlich verdient – anders als viele Projekte und Ansätze aus der Abfallwirtschaft, die unter diesem Begriff firmieren.

Gestörte Wasserkreisläufe

Auch bei den Wasserkreisläufen hat die Menschheit den sicheren Handlungsraum bereits verlassen.

Vielerorts sind die Grundwasserspiegel bereits deutlich gesunken – aufgrund von Klimaerwärmung und übermäßiger Wasserentnahme.
Viele Böden sind durch den massiven Einsatz von Kunstdünger verarmt und haben nur noch einen geringen Humusanteil. Dadurch können sie kaum noch Wasser halten: Schlecht angesichts von Dürreperioden und Starkregenereignissen, die durch die Klimaerwärmung zunehmen.

Trockentoiletten benötigen kein Wasser. Ihr Einsatz spart pro Person durchschnittlich 35 Liter Trinkwasser.

Zusammen mit Pflanzenresten ist kompostierter Kot ein hervorragender Bodenverbesserer, der zum Humusaufbau beiträgt. Das erhöht nicht nur die Wasserhaltefähigkeit von Böden, sondern stärkt auch das Zusammenspiel von Bodenorganismen und Pflanzen bei der Nährstoffversorgung. So kann die natürliche Fruchtbarkeit von Böden nach und nach wieder hergestellt werden.

Eintrag menschengemachter Substanzen

Medikamentenreste und Hormone, aber auch Mikroplastik und die Ewigkeitschemikalien PFAS sind inzwischen weltweit überall zu finden. Klar ist im Prinzip, dass bestimmte Stoffe verboten werden müssten.

  • Das Abwassersystem hat wesentlich zur Verbreitung dieser für die Umwelt gefährlichen Stoffe beigetragen.
  • Toilettenschüsseln sind der wesentliche Eintragsweg für Medikamentenreste und Hormone.
Trockentoiletten ermöglichen die Sammlung von Kot und Urin in konzentrierter Form. So können Medikamentenreste und Hormone effektiver eliminiert werden, als wenn sie erst mit Wasser und vielen anderen Substanzen vermischt werden.

Beim Urin können die gleichen Techniken zum Einsatz kommen, wie bei der geplanten vierten Reinigungsstufe in Klärwerken. Weil das zu verarbeitende Volumen viel geringer ist, können auch die Anlagen entsprechend kleiner ausfallen.

Beim Kot werden die Medikamentenreste vor allem durch die Aktivität von Mikroorganismen während des Behandlungsprozesses entfernt. Pilotanlagen belegen, dass damit alle Grenzwerte eingehalten werden können.

Eine hundertprozentige Verhinderung, dass sich solche Stoffe verbreiten, wäre nur über ein Verbot zu erreichen. Klar ist aber auch, dass die Abbaumöglichkeiten im Boden wesentlich besser sind als im Wasser, weil Vielfalt und Masse von Mikroorganismen dort wesentlich größer sind.